- Bastian Nutzinger, 15. März 2010
"Mensch Bastian, hast du eigentlich nichts zu tun? Du wirkst immer entspannt. Nichts bringt dich aus der Ruhe.", oder jede beliebige Variation des Themas kriege ich erstaunlich oft zu hören. Und es ist wahr, nur äußerst selten empfinde ich meine eigene Situation als "stressig".
Das das so ist, liegt aber nicht daran, dass ich eine besonders außergewöhnliche Person wäre. Sicher ich habe ein paar Eigenschaften, wie die Tatsache, dass ich von mir Selbst und meinen Fähigkeiten überzeugt bin (Ich nenne es ein starkes Selbstbewusstsein. Manch einer mag es, zu Recht, als "Eingebildet sein" bezeichnen), die es mir ermöglichen auch unter Druck ruhig zu bleiben, aber in Wirklichkeit ist es ziemlich einfach und trivial.
Stress (engl.: Druck, Anspannung; lat.: stringere: anspannen) bezeichnet einen durch spezifische äußere Reize hervorgerufene psychische und physische Reaktionen bei Lebewesen und die dadurch entstehende körperliche und geistige Belastung.
Wir kennen das alle. Manche Menschen haben nie Zeit, sind immer in Eile und stehen ständig unter Hochdruck. Trotzdem erledigen diese Menschen in ihrem Leben auch nicht mehr als andere, ja oftmals sogar weniger. Das ist schon erstaunlich, mangelnden Einsatz kann man diesen Menschen kaum vorwerfen. Auch sind sie sicherlich nicht dümmer oder langsamer als der Durchschnitt. Ja, man kann nicht einmal pauschal sagen, dass sie schlechter organisiert wären als andere.
Um das Problem einmal genauer zu betrachten müssen wir eine Unterscheidung einführen. Im täglichen Sprachgebrauch wird Stress viel zu oft synonym sowohl als Bezeichnung für "Ich habe viel zu tun" und "Hilfe, ich weiß nicht wo mir der Kopf steht!" verwendet, also äußeren und inneren Stress. Meist ist irgendetwas auf halben Weg zwischen beiden Aussagen gemeint. Es ist allerdings wichtig, diese beiden Faktoren differenziert zu betrachten, denn der äußere Stress hat mit dem inneren zunächst nichts zu tun.
Wie viel inneren Stress eine Situation auf eine Person ausübt ist erstaunlicherweise wenig von der Situation selbst abhängig. Man kann nicht sagen, dass eine Situation, die besonders dringend, wichtig oder besonders zeitaufwendig ist, auch besonders viel inneren Stress auslöst.
Werden wir mit einer neuen Situation konfrontiert, sei es, dass der Chef uns eine wichtige Aufgabe gibt, wir einen dringenden Termin einhalten müssen oder dass wir am Flughafen feststellen, dass wir unser Ticket vergessen haben, gleichen wir als erstes die äußere Anforderung mit unseren eigenen Ressourcen ab. Besitze ich das notwendige Wissen oder die Fähigkeit diese Aufgabe zu erledigen? Habe ich Zeit den Termin ein zu halten? Kann ich noch einmal nach Hause fahren und das Flugticket holen oder kann mir jemand am Service-Schalter helfen?
Stellen wir dabei fest, dass wir die notwendigen Ressourcen besitzen oder organisieren können, ist alles in Ordnung. Stellen wir aber fest, dass uns die Ressourcen fehlen und wir sie auch nicht beschaffen können, entsteht Stress.
Stress ist also ein Ausdruck für die Differenz der Umweltanforderungen an mich und meiner Einschätzung, der mir zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Wenn man einen Weg finden würde unterschiedliche äußere Umstände auf einer Skala einem Stressquotienten zuzuordnen, würde man wahrscheinlich schnell feststellen, dass innerer Stress die mit Abstand stressigste Form von Stress wäre. Die größte Schwierigkeit im Umgang mit Stress ist, dass er sich selbst verstärkt. Sind wir gestresst und angespannt, kostet uns das wertvolle Ressourcen, die wir gerade in dieser Situation am dringendsten benötigen. Entweder, weil wir aufgrund unserer Anspannung eine neue Situation falsch einschätzen ("Ich hab doch eh schon keine Zeit und jetzt auch noch das!") oder weil wir schlichtweg den Überblick über die uns zur Verfügung stehenden Ressourcen verlieren ("Ich habe gar nicht mehr daran Gedacht, dass mir XYZ dabei helfen kann"). Es kommt, wie's kommen muss: Wir sind mit der neuen Situation überfordert, es entsteht noch mehr Stress und so weiter und so fort.
Wirklich. Mit ein paar wenigen Maßnahmen, kann man sich selbst das Leben leichter machen.
Der erste und mit Abstand wichtigste Punkt ist es, sich seine eigene Situation zu vergegenwärtigen. Wenn ich mich angespannt fühle, lasse ich erst einmal alles stehen und liegen und denke darüber nach, was mich nervös macht. Nichts kann so dringend und wichtig sein, dass ich mir nicht mal eine Minute Zeit nehmen kann um darüber nach zu denken. Welche Aufgabe empfinde ich als besonders "Stressig" und wieso? Was fehlt mir um die Aufgabe zu erledigen? Kann mir jemand helfen oder kann ich die Aufgabe delegieren? Kann ich andere Aufgaben verschieben um diese zu erledigen?
Wenn man in Ruhe über diese Fragen nachdenkt, findet man meistens einen einfachen Weg die eigenen Ressourcen optimal zu nutzen.
Zweitens: Aufschreiben. Liste der Aufgaben und Termine machen, Priorität bestimmen, Plan machen. Erst wenn die Aufgabe auf einem Blatt Papier (oder in Outlook oder einem vergleichbaren Programm ist) kann man sie aus dem Kopf bekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt wird sie immer im Unterbewusstsein herum spuken. Wir neigen dazu, uns gerade in stressigen Situationen keine Zeit zu nehmen um diese Dinge auf zu schreiben, weil wir ja so viel zu erledigen haben, dass wir darauf keine Zeit verschwenden können. Unsinn, auf die 5 Minuten kommt es auch nicht an.
Und zu guter Letzt: Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass Stress selbst verursacht ist und auch nur selbst in den Griff zu bekommen ist. An der Menge an Stress, die ich empfinde sind nie andere schuld, dass ist immer mein eigenes Problem. So etwas wie: "Mein Chef macht mir immer so viel Stress" gibt es nicht.
Und schon kann man wieder konzentriert und produktiv arbeiten. Und das Schöne daran: Genauso wie sich Stress selbst verstärkt, so verstärken sich auch die Stress-Gegenmaßnahmen selbst. Hat man erst wieder die Kontrolle, lässt sich auch viel Leichter der Überblick bewahren.